Jede Erkenntnis
erstammt durch Gottes Gnade und Güte: Eine demütige Selbsterkenntnis ist weit
höher als die höchste Wissenschaft. Man muss wissen, dass man nichts ist und
alleine nichts vermag, nicht einmal ein guter Gedanke kann von uns stammen.
(vgl. Kor.)
Wie kommt es, dass wir Dinge, die wir rational erfassen und
verstehen nicht umsetzen? Alles ist Gnade und Güte. Nur mit Gottes Gnade und
die Vermittlung der Heiligen, hervorgerufen durch unser Gebet, können wir die
gewaltigen Hindernisse übersteigen, die die Welt vom Wege Gottes trennen.
Warum können wir die Dinge nicht einschätzen und wie können wir zur rechten Erkenntnis gelangen? Die Ursache, wieso wir viele Dinge nicht
richtig erkennen und einschätzen können, liegt daran, dass wir uns nach dem
ersten Eindruck, welchen diese in uns erwecken, entweder zur Liebe oder zur
Abneigung bestimmen lassen, wodurch unsere Verstand beeinflußt wird und
infolgedessen über ihren wirklichen Wert nicht richtig urteilt.
Darum solle man auf der Hut sein und seinen Willen von jeder ungeordneten Neigung möglichst frei und unabhängig, damit man einer derartigen Täuschung nicht zum Opfer fällt.
Wenn einem eine Sache begegnet, so sollte man sie reiflich und besonnen und ohne Voreingenommenheit mit dem Verstand prüfen, bevor man sich, je nachdem sie in den natürlichen Neigungen Widerwillen oder Vorliebe erweckt, für oder gegen sie beeinflussen und bestimmen lässt.
Auf diese Weise wird der Verstand von keiner Leidenschaft verblendet und umgarnt. Er bleibt unabhängig und ungetrübt, und so vermag er stets das Wahre zu erkennen und sowohl das Böse, das sich hinter einer trügerischen Lust verbirgt, wie auch das Gute, das unter dem Schein des Bösen verdeckt ist, zu detektieren.
Wenn aber der Wille bereits von vornherein zur Liebe oder zur Abneigung bestimmt oder entschlossen ist, so kann der Verstand die Sache nicht mehr nach ihrem eigentlichen Wert beurteilen, weil diese entstandene Voreingenommenheit ihn derart verblendet, dass er sie für etwas ganz anderes ansieht, als sie in Wirklichkeit ist.
Durch diese falsche Belichtung wird der Wille noch stärker angetrieben, dieselbe wider alle Ordnung und jedes Gesetz der Vernunft entweder zu lieben oder zu verabscheuen.
Infolge dieser stärkeren Willenseinstellung wird der Verstand noch mehr verdunkelt, der dann die Sache dem Willen umso liebenswürdiger oder verabscheuungswürdiger erscheinen lässt.
Wird also dieser Punkt nicht beobachtet, dann bewegen sich die beiden so edlen Seelenkräfte, der Verstand und Wille, beständig und verkehrtem Kreislauf und geraten infolgedessen in immer dichtere Finsternis und in größere Irrtümer.
Deshalb ist es wichtig, sich mit aller Sorgfalt vor jeglicher Anhänglichkeit an irgendeine Sache zu hüten, bevor man sie nicht mit der Leuchte des Verstandes untersucht und nach ihrem wahren Werte erkannt hat. Aber nicht allein mit der Leuchte des Verstandes, sondern vor allem im Lichte des Glaubens und der Gnade solle man den wahren Wert der Dinge zu erkennen trachten.
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